Die Verwundbarkeit von Agrar- und Ernährungssystemen wird durch aktuelle Entwicklungen immer deutlicher: Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Tierseuchen und geopolitische Spannungen stellen Produktion und Versorgung vor neue Herausforderungen. Forschende des Forschungsinstituts für Nutztierbiologie (FBN) und des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI) arbeiten daran, diese Zusammenhänge besser zu verstehen – denn nur so lassen sich Agrar- und Ernährungssysteme gezielt widerstandsfähiger gestalten.
Die Nutztierhaltung spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie erwirtschaftet in Deutschland mehr als 40 Prozent der landwirtschaftlichen Wertschöpfung. Gleichzeitig verändern sich die Erwartungen: Tierische Produkte bleiben gefragt, doch Ansprüche an Nachhaltigkeit, Tierwohl und Umweltverträglichkeit steigen.
Mehr als nur Lebensmittelproduktion
Ein Schlüssel liegt in einem veränderten Blick auf die Nutztierhaltung. Tiere sind nicht nur Lieferanten von Fleisch, Milch oder Eiern, sondern Teil komplexer Kreisläufe: Sie verwerten Nebenprodukte, die für den Menschen nicht nutzbar sind, machen Grünland produktiv und liefern organischen Dünger, der Nährstoffe zurück in den Boden bringt.
So verbinden sie verschiedene Bereiche des Systems – von der Pflanzenproduktion über die Bodengesundheit bis hin zur Biodiversität. Gleichzeitig wird deutlich, wie eng alles miteinander verknüpft ist: Veränderungen in der Ernährung wirken sich direkt auf Tierhaltung, Flächennutzung und Stoffströme aus.
Systeme neu denken
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Idee systemischer Forschung an Bedeutung. Der Wissenschaftsrat empfiehlt, Agrar- und Ernährungssysteme künftig stärker interdisziplinär zu betrachten – etwa im Rahmen von Food Systems Research Hubs. Auch FBN und FLI bringen ihre Expertise in solche Ansätze ein und arbeiten daran, entsprechende Forschungsansätze weiterzuentwickeln.
Im Mittelpunkt steht dabei ein Leitgedanke: Nur wenn ökologische, ökonomische und gesundheitliche Aspekte als Teil eines vernetzten Systems gemeinsam gedacht werden, lassen sich Systeme entwickeln, die langfristig tragfähig sind.
Die Forschung bündelt sich in drei zentralen Themenfeldern: Tiergesundheit und Tierwohl, Versorgungssicherheit und Stabilität sowie Zirkularität und Ökosystemleistungen. Sie zeigen, dass Resilienz nicht an einer Stelle entsteht, sondern im Zusammenspiel vieler Faktoren. Wie eng diese zusammenhängen, wird besonders in Krisen sichtbar. Seuchen und krisenbedingte Lieferengpässe wirken sich direkt auf Betriebe, Märkte und Versorgungsketten aus. Ziel ist es daher, Risiken frühzeitig zu erkennen und Systeme so zu gestalten, dass sie Belastungen besser standhalten.
Kreisläufe als Schlüssel
Ein wichtiger Ansatzpunkt liegt in der stärkeren Nutzung von Neben- und Reststoffen sowie alternativen Futterquellen, etwa aus Insekten oder Mikroorganismen. Dadurch können Importabhängigkeiten reduziert und regionale Stoffkreisläufe gestärkt werden. Die Nutztierhaltung wird so Teil einer zirkulären Landwirtschaft, die Ressourcen effizient nutzt, Böden stabilisiert und zur Erhaltung von Biodiversität beiträgt.
Um diese Zusammenhänge greifbar zu machen, setzt die Forschung auf systemische Analysen, gemeinsame Datenstandards und moderne Auswertungsmethoden. Ziel ist es, Wechselwirkungen sichtbar zu machen und fundierte Entscheidungen für Politik, Praxis und Gesellschaft zu ermöglichen.
Klar ist: Die Weiterentwicklung nachhaltiger und resilienter Agrar- und Ernährungssystemen erfordert neue Formen der Zusammenarbeit. Forschung, Praxis und Politik müssen enger zusammenrücken, um tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Klaus Wimmers, Vorstand des FBN, formuliert es so: „Nutztierhaltung ist Teil der Lösung – wenn sie verantwortungsvoll gestaltet wird: gegenüber dem Tier, wirksam für Umwelt und Gesundheit und resilient gegenüber Krisen.“
Ansprechpartner
PD Dr. Björn Kuhla
kuhla@fbn-dummerstorf.de